Im Weg.
Von wegen weitweg.
Hektik und Chaos. Überall.
Eine kochende Masse, deren Druckventil kurz davor steht, zu explodieren.. Genervt und gestresst sind sie, verbissen und auf der Flucht. Fast wirkt es, als nähme sich niemand auch nur die Zeit zum Atmen. Es ist erdrückend heiß und die duzenden Leiber, die pedantisch - aber meist erfolglos - damit beschäftigt sind einander auszuweichen, heben die Temperatur weiter an.
Menschen, die mit Scheuklappen aneinander vorbei laufen, sich anrempeln und dennoch den Blick nicht heben, um zumindest ansatzweise zu erkennen, wessen Weg sie auf diese ignorante Art und Weise gekreuzt haben. Mit ihren imaginären Zielen vor Augen laufen sie durch menschliche Mauern, durch Hindernisse, die sie sich eigentlich selber schaffen.
Barcelona y sus turistas - ¿la ciudad de los sentidos??
Die vom Asphalt aufsteigende Hitze verzerrt das Bild zu einer noch surrealer anmutenden Szenerie, aus der auch ich mich nicht herausnehmen kann. Im Gegenteil – ich versuche, noch schneller als der Rest zu sein, sie alle zu überholen, nieder zu rennen um sie hinter mir zu lassen. Das imaginäre Ziel vor Augen. Den Blick durch sie hindurch, auf der Suche nach...
„Wonach suchst du eigentlich? Dem Weg hier raus? Das ist alles? Sag Mädchen – was hast du gewonnen, wenn du deinen Weg hier raus gefunden hast und später so wie davor in diesem Zimmer sitzt?“
„Drown Me Slowly!!“, schreien mir AUDIOSLAVE ins Ohr. „Nein danke, ich überhole sie alle!!“, brülle ich gedanklich zurück.
Und das? Nur ein weiteres Zeugnis innerer Abgrenzung, das nach außen schreit wie die Botschaft einer neonfarbenen Reklametafel: „Sprich mich ja nicht an!“ – der gute iPod. Statussymbol und Armutszeugnis zugleich.
Audioslave sind fertig, schon trällert CLUESO ein so simpel anmutendes „Bleib einfach hier – und lern’ dich umzusehn’.“ Und wenn ich ihn ansonsten noch so gerne habe, den guten Herrn, nehme ich genervt den Blick von der unkontrollierten und überhitzten Masse vor mir, um dieses Stück Elektronik in meiner Handtasche ausfindig zu machen und es zum Schweigen zu bringen. „Ein kapitaler Fehler, gutes Mädchen, du bist viel zu leicht ablenkbar!“
Es es kracht schon wieder. Diesmal an der Schulter. Mein Blick schweift ab, sucht instinktiv den Auslöser der Kollision, und prallt wie vom Blitz getroffen auf einen anderen - fremden, und dennoch vertraulich anmutenden Blick. Fassungslosigkeit, die aus beiden spricht. Mund zu, Mädel!
„Bleib einfach hier...“
In der Mitte, dort wo die Blicke aufeinander treffen, läuft binnen Bruchteile einer Sekunde ein Film ab:
Gänsehaut. Ein Lächeln. Zwei. Glänzende Augen, gemeinsam alleine, eine Nacht ohne Schlaf, Schweiß der von den Haaren tropft, salzige Haut, ein Kuss, eine Hand in der anderen, Kennenlernen, Verlangen, Riechen, Vermissen und Wiedersehen, weitweg zu zweit, Rückkehr.. déjà vu!! ?
Ein Film, der einen ganzen Abend und noch mehr füllen könnte, erzählt von vier Augen - im Bruchteil eines Augenblicks, in dem sie aneinander gefesselt sind.
„Bleib’ einfach hier..“ Wo zum Teufel ist dieser iPod??
Und so plötzlich und explosiv wie dieses fremde Augenpaar vor mir stand, mir gefesselt einen Film erzählte, so plötzlich ist es auch wieder weg, gefressen von der kochenden Masse um mich herum. Nein - nicht ganz so plötzlich. Da war dieser eine Augenblick, der still zu stehen schien, der in eine Zukunft blicken konnte, deren Drehbuch eigentlich so simpel gestrickt wäre. „..und lern zu sehn’!!“ Damn it!!! Wo ist das Sch..ding??
Stille. Der iPod schweigt endlich. Und ich stehe noch immer in einer mich erdrücken wollenden Hektik, die mit einem Mal wie ein nasser Mantel von mir abfällt. Überall Züge, die an mir vorbei rauschen, aber es ist mir mir egal. Weil ich noch immer wie vom Blitz getroffen dastehe und mich allen Ernstes frage:
„Warum um alles in der Welt hat es keines dieser vier Augen geschafft, den Mund aufzumachen?“
Barcelona. La ciudad de los prodigios.
Cuando tú lo quieras.
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